Bas Kath (Groß Kath)

Maskottchen von St. Ingbert

 

Bas Kath, Maskottchen von St. Ingbert (Maria Graef)

Samstag, 11. Mai 1957,
Saarbrücker Zeitung, Lokalausgabe St. Ingbert

Guten Tag, ich komme aus dem vorigen Jahrundert
Aus Fastnachtsscherz wurde Groß Kath - Ein Brief vom Bundespräsidenten

St. Ingbert. Am Fastnachtsdienstag vor drei Jahren bekam die Pfarrgaßschule hohen Besuch. Eine Schulrätin hatte sich zur Inspektion angemeldet und verursachte damit beträchtliches Herzklopfen in den Mädchenklassen. Frau Direktorin Litzenburger öffnete dem Gast persönlich die Tür, und die Schulrätin das Katheder, um allerlei knifflige Fragen zu stellen. Merkwürdigerweise durften die Mädels so falsche Antworten geben, daß sich einem Pädagogen darüber die Haare gesträubt hätten. Besagte "Frau Schulrätin" war nämlich selbst erst neun Jahre alt und im Lehrplan höherer Klassen nicht ganz sattelfest. Ihre erstaunliche Karriere hatte sie nur Prinz Karneval zu verdanken, der sie nach dem alten Grundsatz "Kleider machen Leute" in Mutters langen Rock gesteckt und mit Perücke und Lorgnon in eine Amtsperson en miniature verwandelt hatte, der niemand ansah, wer sie in Wirklichkeit war. Sollen wir es verraten? Es war Maria Graef, hauptberuflich Schülerin in der Pfarrgaß-Schule. Ehrenamtlich hat sie inzwischen noch manchesmal die Stadt und ihre Behörden "vertreten"dürfen, allerdings nicht mehr als "Schulrätin" sondern als Groß Kath, eine ebenso bedeutende Dame aus dem vorigen Jahrhundert. Premiere für Groß Kath wurde die 200-Jahrfeier von St. Engelbert, und wieder war es Frau Direktor Litzenburger, die mit kundiger Hand die Führung übernahm. Dargestellt von Schulmädchen, teils in Biedermeierkostümen, teils mit Pleureuse und Cul der Jahrhundertwende, entstand ein lebendiges Bild vom Bürgertum des alten St. Ingbert und Groß Kath war der Mittelpunkt. Seitdem ist es zu einer traditionellen Gestalt geworden, die bei festlichen Anlässen St. Ingberts gute alte Zeit vertritt und immer etwas dazu zu sagen weiß. Lampenfieber kennt die jetzt zwölfjährige Maria bis heute noch nicht, und wenn sie wieder das Groß Kath spielen soll, dann ist sie mit Feuereifer dabei. So war das auch zur 200-Jahrfeier, zur Begrüßung der Heimkehrer in unserer Stadt und zum 70. Geburtstag des Heimatdichters Karl Uhl am 30. November 1956. Und dieser Tag hatte für die kleine Darstellerin des Groß Kath noch eine besondere Bedeutung. Marias Mutter gehörte als junges Mädchen zur Laienspielgruppe der Volksbühne und lernte unter dem damaligen Leiter Karl Uhl die Freude am Theaterspielen kennen, die der jetzige Ehrenbürger an seinem Festtag in der nächsten Generation beim Groß Kath wiederfinden konnte.
Als der Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss Anfang des Jahres zu einem kurzen Besuch nach St. Ingbert kam, stand unser Groß Kath zur Begrüßung des hohen Gastes gleich neben dem Bürgermeister - ein großer Augenblick für das kleine Mädchen Maria. Sie berichtet uns, daß im Protokoll zum offiziellen Empfang genau fünf Minuten Zeit für Begrüßungsansprachen vorgesehen war. "Und 56 Sekunden davon hat das Groß Kath bekommen", sagt Maria, "ich habe genau nach der Uhr gekuckt, als ich die Verse für Professor Heuss auswendig lernen mußte". Ob wohl die erwachsenen Leute ebensoviel Respekt vor einem Protokoll haben wie unser gewissenhaftes Kath? Dem Bundespräsidenten jedenfalls hat die originelle Begrüßung viel Spaß gemacht, das steht sogar in einem Brief aus Bonn, den der persönliche Referent von Prof. Heuss im Februar an Maria geschrieben hat. Daß Groß Kathsche Kostüm und der Federhut werden auch darin erwähnt, und was das Wichtigste ist, die kleine St. Inberter Bürgerin soll zu einem Gegenbesuch nach Bonn kommen. Maria hatte dem Bundespräsidenten, der kurz nach seiner Saarlandreise erkrankt war, einen Groß Kath Brief mit Bildern und guten Wünschen zur Genesung geschickt, dann mußte sie selbst mit einem bösen Husten ins Bett und wurde anschließend für sieben Wochen in ein Erholungsheim bei Wadern gebracht. Und dort erreichte sie dann auch das Antwortschreiben mit dem Autogramm von Theodor Heuss - man kann da schon beinahe von einem Briefwechsel zwischen Leidensgefährten der Grippezeit sprechen.
Maria freut sich jeden Tag auf das Wiedersehen in Bonn. Wann das sein wird, weiß sie allerdings noch nicht, aber sie ist fest davon überzeugt, daß der Bundespräsident das Groß Kath von St. Ingbert bestimmt nicht vergessen hat.

 

Bas Kath, Maskottchen von St. Ingbert (Maria Graef)

 

Brief des persönlichen Referenten des Bundespräsidenten Theodor Heuss an die 12-jährige Maria Graef

 

Bas Kath, Maskottchen von St. Ingbert (Maria Graef)